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Mittwoch, 22.02.2012

Text: Arnd Krenz

Figaro Ebersbach
Figaro Ebersbach

Oberland Ansichten

Traumhafte Aussichten zur Erinnerung an einen deutschen Kanzler

Ja, es gab sie wirklich, die guten alten Zeiten, in denen das Deutsche Volk seine Kanzler noch verehrte und ihnen aus Dankbarkeit Monumente errichtete!
Diesem Zeitgeist folgend durften auch die Neugersdorfer keine Ausnahme machen, als es darum ging, dem 1898 dahin-gegangenen Kanzler der ersten Deutschen Einheit, Otto von Bismarck, ihre Referenz zu erweisen.

Bismarckturm Neugersdorf
Bismarckturm Neugersdorf

Eigentlich wollten sie schon 1879/80 - also noch zu Lebzeiten des hoch geschätzten Fürsten - ganz oben, auf dem höchstgelegenen Punkt ihres Ortes - dem Hutungsberg - ein Denkmal erbauen, aber erst als der Fabrikant Julius Hoffmann 12.000 Mark für diesen Zweck stiftete, war das Projekt finanziell machbar. Endlich konnte an geplanter Stelle am 9. Oktober 1904 ein aus Sandstein erbauter Turm stolz von den Neugersdorfern auf den Namen "Bismarck" getauft werden.

"Halt! Wanderer halt! Ein Bismarckturm!",

wies einst ein Wegweiser aus Holz die Richtung zum Turm. Aber genaugenommen hätte es heißen müssen: "... Schon wieder ein Bismarckturm!", denn tatsächlich schossen nach 1871 Bismarck-türme, Bismarck-Denkmäler, Bismarck-Eichen und Bismarck-Standbilder wie Pilze aus der Erde. Ein Jubel ging durch die Nation und die national gesinnte Studentenschaft war es, die die Idee einbrachte, den Türmen Feuerschalen aufzusetzen, die jedes mal zum Geburtstag des verblichenen Kanzlers angezündet werden und, von Turm zu Turm, wie ein Band durchs ganze Land lodern sollten.
Daraus wurde allerdings nichts, denn der 1. April - also besagter Geburtstag - lag in den Semesterferien und auf einen anderen Termin konnte man sich damals nicht einigen. Folglich blieb´s nur beim Denkmal, von denen 167 tatsächlich mit Feuerschalen erbaut worden sind - der Neugersdorfer Turm ist einer davon!

Was ist uns geblieben, steigen wir heute das 19,5 m hohe Bauwerk hinauf bis zur Aussichtsplattform? Der sorgfältig restaurierte Turm mit seiner schmucken Parkanlage und der herrliche Rundblick natürlich!
Oben auf dem Turm angekommen offenbart sich dem Besucher ein beeindruckendes Panorama mit ausgedehnten Weitsichten in oberlausitz-sächsische - und böhmische Gefilde.

Im Hinterkopf den Leitspruch des Löbauer Turmvaters Friedrich August Bretschneider:

"Je weiter der Blick, desto freier das Herz",

kann man hier, hoch über den Dächern des Alltags, tief durchatmen und die Ruhe und Ungezwungenheit einer herrlichen Landschaft genießen.
Eine Landschaft mit Wäldern, Wiesen, durchzogen von bunten Feldern, die in ihrer Einzigartigkeit kaum zu übertreffen ist. Sie lädt uns sanft lächelnd ein, die Augen umherschweifen zu lassen, im Augenblick zu verharren.
Am liebsten möchte man die weichen Hügel und Täler behutsam streicheln, am liebsten die in grüne Nester eingebetteten Dörfer mit nach Hause nehmen. Und, egal zu welcher Jahreszeit jemand auf den Turm steigt, er wird belohnt mit einer extra Kur für die Seele, mit einer wohltuenden Pause vom sonst so hektischen Alltagsleben.

Wer von der Westseite der Aussichtsplattform ins Oberlausitzer Land hinein schaut, erhält einen ausladenden Blick über Neugersdorf hin zum bewaldeten 583 m hohen Kottmarmassiv, an dessen Fuße malerisch verstreut Walddorf zu erkennen ist. Von hier aus ist auch der in unmittelbarer Nachbarschaft stehende Wasserturm und die von 1735 bis 1738 erbaute barocke Evangelisch-Lutherische Kirche der Stadt nicht zu übersehen.

Man schaut über den "Schluckenauer Zipfel" ins Elbsandsteingebirge hinein

Begibt sich der Besucher dann auf die Ostseite, kann er bei guter Fernsicht die über 20 km entfernten Felsformationen des Elbsandsteingebirges gut erkennen.
Er schaut dabei über den unmittelbar zu seinen Füßen liegenden "Schluckenauer Zipfel". Dieser gehört heute zu Tschechien, aber 1904, bei der Einweihung des Turmes, war hier noch österreichisches Staatsgebiet und alle Orte trugen deutsche Namen. Man blickt demzufolge auf Rumburg(k), Georgswalde, Schönlinde - auf Philippsdorf mit seiner Katholischen Kirche und denkt vielleicht an die Menschen, die nach 1945 ihre geliebte Sudetendeutsche Heimat im Ergebnis gescheiterter Weltherr-schaftspläne ohne jede Hoffnung verlassen mussten.

Orientierungstafeln Bismarcktum Neugersdorf
Orientierungstafeln Bismarcktum Neugersdorf

Zur Orientierung sind auf der Aussichts- plattform Hinweisplatten aus Metall angebracht. Über sie hinweg kann man die Berge in der Ferne anpeilen:
Da ist zum Beispiel der noch auf deutscher Seite liegende 486 m hohe Schlechteberg, der Kittelsberg, Bozen, Wolfsberg oder der Kaltenberg (um nur einige zu nennen), die von hier aus einwandfrei auszumachen sind. Auf vielen dieser Berge befinden sind ebenfalls Aussichtstürme, sodass man dem europäischen Nachbarn quasi ein freundschaftliches "Hallo" oder "Dobrý den" hinüber winken kann.

Und wer das einmal tun möchte, braucht nur an einem Samstag, Sonntag oder Feiertag im April bis Oktober in der Zeit von 14 bis 17 Uhr zum Bismarckturm nach Neugersdorf zu kommen und er wird freundlichen Einlass finden. Aber auch außerhalb dieser Zeiten können Sie die Stufen zur Aussichtsplattform hinauf kraxeln. Sie müssen nur vorher in der Stadtverwaltung die 03586 785 234 wählen und sich anmelden. Neugersdorf lädt Sie herzlich ein und wünscht viel Spaß beim Genießen traumhafter Aussichten zur Erinnerung an einen deutschen Kanzler ...